Ich bin kein Vegetarier – Ich esse nur kein Fleisch

Vegetarismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen – was wohl soviel heißen soll wie: wir können davon ausgehen, dass nahezu alle Menschen unseres Kulturkreises schon mal was davon gehört haben, halbwegs wissen, was damit gemeint ist und trotzdem nicht mit Steinen werfen.

Ich selbst ernähre mich vorwiegend von Pflanzen, habe an der Sache ansich nichts auszusetzen. Aber mich stört immer wieder die Art und Weise, wie die Debatte um Vegetarismus geführt wird. Nicht alle, aber auch nicht wenige Vegetarier scheinen der Meinung zu sein, Vegetarismus sei die einzig „richtige“ Ernährungsform – sowohl aus biologisch-gesundheitlicher Betrachtung, als auch aus moralischer und noch viel wichtiger aus sozio-politischer. Wollen wir eine zukunftsfähige, freie Gesellschaft, führt am Vegetarismus kein Weg vorbei.

1) Die biologisch-gesundheitliche Debatte
Es gibt wohl kaum ein Nahrungs- oder Genussmittel, das nicht genauso viele Fürsprecher wie Gegner hat. Am Ende bleibt die ergebene Einsicht: wir können darüber keine für jeden und für alle Zeiten allgemeingültige Aussage machen. Warum also andere instruieren und beschuldigen, wo jeder für sich herausfinden muss, was ihm gut tut und gefällt? Trotzdem sei an der Stelle Cochrane erwähnt – ein unabhängiges Institut, dass es sich zur Aufgabe gemacht hat, Studien und Forschungsergebnisse zusammen zu tragen, zu prüfen und miteinander abzugleichen.

2) Die moralische Debatte
Zum einen fällt mir spontan kein Tier ein, das sich wirklich ausschließlich vegetarisch ernährt. Selbst grasende Huftiere werden dabei mit Sicherheit auch tierische Kleinstlebewesen mit aufnehmen. Warum sollen wir uns davon ausnehmen? Zum anderen müssen wir uns nunmal von organischer Materie – also Lebewesen – ernähren. Das ist das erste große Trauma, in das uns dieses Leben wirft. Vegetarier wollen, wie mir scheint, diesem Dilemma nicht ins Auge sehen, sondern entfliehen ihm, indem sie eine moralische Klassifizierung vornehmen. Pflanzen essen ist nicht so schlimm, die merken das ja nicht. Das sind nur Möhren, denen tut das nicht weh. Warum eigentlich nicht? Woher wollen wir das wissen? Nur weil wir es uns nicht vorstellen können? Dazu gibt es von Thomas Nagel einen wunderbaren Aufsatz: What Is It Like to Be a Bat? oder: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?

Und selbst wenn es so wäre – warum ist es moralisch vertretbarer, Lebewese zu töten, die „das nicht merken“ als Lebewesen, die es merken? Wer hat das auf welcher Grundlage beschlossen? Tatsächlich gibt es Menschen, die noch Radikaler als Vegetarier und Veganer sind und nur noch Früchte essen – Fruktarier. Selbst hier könnte mensch empört fragen: Was? Ihr esst die Ungeborenen? Die Rechtfertigung der Fruktarier ist, dass Früchte zum Essen vorgesehen sind. Es sind aber wieder nur ein kleiner Teil aller Früchte, die tatsächlich vom Verzehr durch Tiere profitieren – weil diese den Samen verbreiten. Und auch diese Funktion erfüllen wir nicht, solange wir unsere Ausscheidungen im WC runterspülen. Ihr seht, wohin das führt. Wenn ich Ernährung moralisiere und zwar konsequent, erscheint Soylent Green auf einmal überlegenswert.

Was wir aber durchaus moralisch diskutieren können und sollten, ist unser Umgang mit der Umwelt. Und das bitte ohne Abwertung anderer Lebewesen, Lebens- und Ernährungsentwürfe.

3) Die sozio-politische Debatte
Hier lehnen sich Vegetarier ganz weit aus dem Fenster. Eine Ernährungsform als Basis für Gesellschafts- und Staatsform? Als Lösung für moderne Krisen? In einer Zeit, wo Agrarwirtschaft und die Erzeugung von Ersatzprodukten mindestens genauso problematisch sind wie Massentierhaltung? Auch hier bleibt nur zu sagen: das Wie ist entscheidend(er). Wir brauchen eine Regeldebatte und kein neues Dogma.

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