Postgender, Genderwahn oder was ist los?

Über das Sprache Gendern.

Ich wurde noch in der DDR geboren und eingeschult. Natürlich war auch nach der Wende nicht gleich alles anders – vor allem die Menschen nicht. So war es für mich völlig normal die inklusive maskuline Form zu verwenden. Als ich in meinen 20ern zum ersten Mal die Debatte um das -in wahrgenommen habe, verstand ich erst gar nicht, warum sich alle so aufregen. Ich fand vieles übertrieben. Zum Beispiel wurde in meinem Fachbereich Bauwesen gefordert, im Neufert – dem Standardwerk der Bauentwurfslehre – die Abbildungen von Frauen in der Küche mit Kopftuch und Schürze zu neutralisieren. Darf eine emanzipierte Frau nicht mit Kopftuch und Schürze in der Küche stehen? Müssen wir wirklich alles neutralisieren? Und ist dieses neutralisieren nicht kontraproduktiv? Stellt euch ein „neutrales“ Männeken vor – richtig: in unserer Bilder- und Sprachwelt ist Mensch in erster Linie männlich.

Nach und nach verstand ich also das Problem. Was aus meiner Sicht jedoch nicht durch sprachliches Gendern gelöst wird. Mal davon abgesehen, dass es furchtbar unästhetisch und unpraktisch ist – da gibt es trotzdem noch soviel man, jemand, … Ja selbst „Mensch“ ist nur das altdeutsche Wort für Mann. Auch „homo“ bedeutet Mann. Wir haben also nicht einmal eine geschlechtsneutrale Gattungsbezeichnung.

Wir können unsere Sprache nicht völlig neu erfinden. Aber wir können so tun als ob. Als ob „Mensch“ geschlechtsneutral wäre. Ich wette, die meisten von euch wussten das nicht einmal und haben schon so getan als ob. So verändert sich die Besetzung des Wortes, der Begriff – und damit auch das Denken.

Diese Zusammenführung ist auch aus zwei weiteren Gründen erstrebenswert: wenn wir wirklich Gleichberechtigung wollen, warum ist es dann bspw. bei der Bezeichnung eines Berufes wichtig, ob er oder sie? Dann ist der Friseur maskulin, weil das Substantiv – nicht die den Beruf ausübende Person maskulin ist. Die Person bleibt schließlich auch feminin und wird nicht vergewaltigt. Außerdem schließt eine Zusammenführung auch Personen ein, die sich keiner der Geschlechterrollen anschließen können oder wollen und bei dem sprachlichen Geschlechtersplitting wieder ausgenommen sind.

Das Thema Gender ist damit natürlich nicht abgetan oder gelöst. Es gibt immer noch viele Menschen, die die Ausmaße des Problems nicht erkennen oder nicht wahr haben wollen und es als Gender-Wahn verschrein. Neulich wurde mir gesagt, wir seien doch schon im Postgender. In diversen Spielen wie World of Warcraft bspw. könne doch schon jeder das andere Geschlecht annehmen. Und die Sklaverei gibt es auch nicht mehr, wenn ich in die Spielfigur eines Sklaven schlüpfe. Woah, warum uns das nicht früher eingefallen ist. Also lieber einmal wirklich drüber nachdenken als gedankenlos überall -in dranhängen.

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